Intransparenz bei Unfällen und Kontrollen

Neue VIER PFOTEN Recherche zu Tiertransporten

5.2.2024

Hamburg, 05. Februar 2024 – VIER PFOTEN kritisiert fehlende Transparenz und mangelnde Kontrollen bei deutschen Lebendtiertransporten. Die Recherche „Blackbox Tiertransporte“ der globalen Tierschutzstiftung hat ergeben: Obwohl jährlich Zigtausende Tiere innerhalb Deutschlands und von der Bundesrepublik aus in andere EU-Länder und Drittstaaten transportiert werden, gibt es keine übersichtlichen Daten zu Unfällen und Kontrollen bei Tiertransporten. VIER PFOTEN fragt: Wie will die Bundesregierung Missstände ahnden und gegen Verstöße vorgehen, wenn niemand einen detaillierten Gesamtüberblick hat?

Keine ausreichenden Daten zu Kontrollen bei Lebendtiertransporten: Für ihre Recherche befragte die globale Tierschutzstiftung die Veterinärbehörden aller Landkreise in Deutschland, die Landesinnenministerien der Bundesländer, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sowie das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). Ergebnis: Weder von den zuständigen Veterinärbehörden noch von den Polizeibehörden wird eine Statistik über Straßenverkehrskontrollen von innerdeutschen Lebendtiertransporten geführt. Auch gibt es keine festgeschriebene Quote über die vorgeschriebene Anzahl von Kontrollen. Darüber hinaus konnten die Behörden VIER PFOTEN nicht mitteilen, welche Transporte – innerdeutsche, innereuropäische oder außereuropäische Transporte – sie überhaupt kontrollierten. Die dafür zuständige Arbeitsgruppe Tierschutz (AGT) der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz (LAV) reagierte nicht auf die wiederholten Anfragen von VIER PFOTEN. Fazit: Da keine Zahlen erhältlich sind, wie viele Transporte innerdeutsch stattfinden, lassen sich Transportkontrollen und Verstöße nicht ins Verhältnis zur Anzahl der Transporte insgesamt setzen. Damit weiß niemand, wieviel Prozent der innerdeutschen Transporte überhaupt kontrolliert werden und wie hoch der Prozentsatz der bei diesen Kontrollen festgestellten Verstöße ist.

„Unsere Recherche hat ein geradezu erschreckendes Bild ergeben: Weder bei Kontrollen noch bei Unfällen, bei denen Lebendtiertransporte involviert sind, liegen den Behörden gesammelte und detaillierte Daten vor. Wer aber keine genauen Kenntnisse über Mängel bei Transporten hat, sieht auch keine Notwendigkeit, gegen Missstände vorzugehen. Das ganze Kontrollsystem von Tiertransporten gleicht einer Blackbox. Deswegen fordern wir unter anderem eine lückenlose Erfassung von Transportdaten und die zentrale Erhebung von Transportunfällen sowie die Anzahl verletzter und verendeter Tiere.“

Rüdiger Jürgensen, Mitglied der Geschäftsleitung VIER PFOTEN Deutschland

Grenzüberschreitende Transporte: In Bezug auf grenzüberschreitende Transporte sieht die Datenlage etwas besser aus, da diese in dem europäischen Datenbanksystem TRACES (Trade Control and Expert System) registriert werden müssen. Die TRACES-Daten werden jedoch nicht veröffentlicht und sind für Tierschutzorganisationen oder Pressevertreter:innen nicht einsehbar. Es werden lediglich Zusammenfassungen zu Gesamtzahlen an Transporten auf EU-Ebene veröffentlicht – diese enthalten allerdings keine genaueren Daten zu den Transporten. Darüber hinaus werden diese Zahlen von den Behörden mit großer zeitlicher Verzögerung veröffentlicht. Die Überprüfung der EU-weiten Regelungen bei Tiertransporten in Drittstaaten ist nicht möglich, obwohl deren Einhaltung laut einem 2015 verkündeten Urteil des Europäischen Gerichtshofs Pflicht ist. Zwar werden Lebendtiertransporte in Drittländer vor Fahrtbeginn kontrolliert und registriert, allerdings wird der Zustand der Tiere an den Versorgungs- und Sammelstellen oder an den Häfen nicht ausreichend geprüft und es gibt keine Standardkontrollen oder Statistiken über den Zustand der Tiere bei Erreichen des finalen Bestimmungsortes. VIER PFOTEN sieht ebenfalls eine mangelnde Transparenz bei den Kontrollen.

Transportunfälle in Deutschland

Intransparenz und ein fehlender Zugang zu Informationen bestehen auch im Bereich der Transportunfälle. Lebendtiertransportunfälle werden in Deutschland statistisch nicht erfasst. Es wird weder systematisch festgehalten, wie viele lebende Tiere jährlich auf deutschen Straßen durch Verkehrsunfälle mit Tiertransportern verletzt werden, noch wie viele von ihnen dabei sterben. Damit ist es unmöglich zu ermitteln, welche Risikofaktoren es gibt und wie häufig Transportunfälle für Tiere tödlich ausgehen. Anfragen bei Polizei und Veterinärbehörden ergeben zwangsläufig nur ein ungenaues Bild der Lage.

Fazit VIER PFOTEN: Die Datenlage bei Lebendtiertransporten bezüglich Kontrollen und Unfällen ist mangelhaft. Die globale Tierschutzstiftung fordert umfangreiche Verbesserungen in diesem Bereich, um Missstände aufzuzeigen und gegen diese vorgehen zu können.

Forderungen VIER PFOTEN

  • Lückenlose und differenzierte Erfassung von allen Transportdaten (innerdeutsch, inner- und außereuropäisch)
  • Zentrale Erhebung von Transportunfällen und Anzahl verletzter und verendeter Tiere
  • Transparenter Zugang zu Informationen
  • Nationales Transportverbot für Drittländer

Zur Recherche

Zu den Kontrollen: Da die zum Zeitpunkt der Abfrage vorgeschriebenen Transportkontrollen für 2022 noch nicht gemeldet worden waren, beziehen sich die Rechercheergebnisse auf das Jahr 2021. Diese weichen allerdings nach Einschätzung von VIER PFOTEN nicht sonderlich von den Folgejahren ab.

Zu den Tiertransportunfällen: Eine von VIER PFOTEN durchgeführte Abfrage im Zeitraum von Januar bis April 2022, bei der die Bundespolizei, alle Landesinnenministerien und alle Veterinärbehörden in Deutschland befragt wurden, ergab eine völlig unzureichenden Datenlage. Deswegen hat VIER PFOTEN eine eigene Recherche (LINK), basierend auf Medienberichten und Pressemitteilungen der Polizei für das Jahr 2022 durchgeführt. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass nur von einem Bruchteil der Unfälle bei Lebendtiertransporten berichtet wird und daher von einer sehr hohen Dunkelziffer auszugehen ist.

Hier geht es zur Recherche „Blackbox Tiertransporte“.

Weitere Informationen zu Tiertransporten finden Sie hier.

Oliver Windhorst

Pressesprecher für Tiere in der Landwirtschaft

presse-d@vier-pfoten.org

+49 151 183 515 30

VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz
Lübecker Straße 128, 22087 Hamburg

VIER PFOTEN ist die weltweite Tierschutzorganisation für Tiere unter direktem menschlichen Einfluss, die Leiden aufdeckt, Tiere in Not rettet und sie schützt. Gegründet 1988 in Wien von Heli Dungler und Freunden, setzt sich die Organisation für eine Welt ein, in der Menschen Tieren mit Respekt, Empathie und Verständnis begegnen. Die nachhaltigen Kampagnen und Projekte von VIER PFOTEN konzentrieren sich auf Haustiere wie streunende Hunde und Katzen, Nutztiere und Wildtiere - wie Bären, Großkatzen und Orang-Utans - in unangemessener Haltung sowie in Katastrophen- und Konfliktgebieten. Mit Büros in Australien, Österreich, Belgien, Bulgarien, Frankreich, Deutschland, Kosovo, den Niederlanden, der Schweiz, Südafrika, Thailand, der Ukraine, Großbritannien, den USA und Vietnam sowie Auffangstationen für gerettete Tiere in elf Ländern bietet VIER PFOTEN schnelle Hilfe und langfristige Lösungen. 

www.vier-pfoten.de

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