
Notfallmission in Argentinien
VIER PFOTEN behandelt 64 Wildtiere im ehemaligen Zoo Lujan
Ein Operationstisch allein reicht nicht aus. Im ehemaligen Zoo Lujan in Argentinien gibt es so viele leidende Tiere, dass das Team von VIER PFOTEN gleich zwei OP-Tische nebeneinander aufstellen muss. Das bedeutet auch: zwei tierärztliche Teams und zwei Anästhesist:innen, zwei vollständige medizinische Ausrüstungen – alles parallel, alles unter Hochdruck. „Es ist eine riesige logistische Herausforderung, solch einen Einsatz präzise zu koordinieren. Jede Operation, jede Untersuchung muss geplant werden – inklusive der Nachsorge. Bei über 60 Großkatzen dürfen keine Blutprobe, kein Medikament vertauscht werden“, berichtet der leitende Tierarzt Dr. Amir Khalil von VIER PFOTEN.
Unter Zeitdruck
Die 32 Löwen, 30 Tiger und 2 Bären sind die letzten Überlebenden eines ursprünglich weitaus größeren Tierbestands im ehemaligen Zoo Lujan. Durch die Haltung auf engsten Raum ohne Beschäftigungsmöglichkeiten kam es unter den Tieren immer wieder zu Aggressionen. Einige Großkatzen wurden schwer verletzt, viele starben an ihren Wunden oder an Infektionen. „Tiger sind Einzelgänger und würden in der Natur niemals auf einen Löwen treffen. Löwenmännchen leben im Rudel mit Weibchen zusammen, nicht mit Rivalen. Werden Raubkatzen dicht zusammengedrängt gehalten oder Tierarten gemischt, kommt es oft zu Kämpfen“, erklärt Dr. Khalil.
Die Sicherheit des Teams steht bei seiner Ankunft im ehemaligen Zoo am 23. Oktober an erster Stelle. Mehrere Zäune müssen repariert und Löcher geschlossen werden. Während ein Team an der Umzäunung arbeitet, errichtet ein anderes auf einer zentral im Zoo gelegenen großen Wiese ein XXL-Zelt. Es soll die Tiere, die Tierärzt:innen und das medizinische Equipment vor Schmutz, Regen, Wind und Hitze schützen.
Großeinsatz
In weniger als einem Monat behandelt das Nothilfeteam von VIER PFOTEN insgesamt 64 Wildtiere. Es wird die größte tierärztliche Untersuchung dieser Art, die jemals in Lateinamerika stattgefunden hat. Einige Tiere müssen sofort operiert werden, um ihr Leben zu retten. Bei anderen versorgt das Team verschiedene Infekte, eingewachsene Krallen oder Zahnerkrankungen. Bei zwei Löwen ist wegen sehr schwerer Infektionen sogar eine partielle Schwanzamputation erforderlich. „Wir haben bei vielen Tieren gravierende gesundheitliche Probleme festgestellt.
Besonders bewegend war die Behandlung einer zehnjährigen Tigerin, deren Krallen tief eingewachsen waren. Flora konnte sich kaum bewegen, war lethargisch. Schon wenige Stunden nach der Operation und der Schmerzbehandlung veränderte sich ihr Verhalten deutlich. Das zeigt, wie dringend notwendig unsere Arbeit ist“, betont Dr. Khalil.
Weitere Tiere leiden an offenen Wunden, gebrochenen Zähnen mit offenen Wurzelkanälen oder Zysten. Die gesundheitlichen Probleme sind durch eine jahrelange Fehlhaltung entstanden. Dazu kommen Verhaltensstörungen, Traumata und teils schwere Mangelernährung.
Ein Leben im Käfig
Neben der medizinischen Versorgung setzt sich VIER PFOTEN auch dafür ein, die Haltungsbedingungen im ehemaligen Zoo temporär zu verbessern. Die meisten Tiere leben in zu kleinen, kahlen Gehegen ohne artgemäße Beschäftigung. Ein Beispiel bilden die beiden Bären, die das Team behandelt: Der fünfzehnjährige Gordo ist auf nur zwei mal drei Metern eingesperrt, das ist viel zu wenig Platz für das stattliche Männchen, das über 350 kg auf die Waage bringt. Bärendame Florencia, 17 Jahre alt, ist etwas zierlicher. Auch sie verbringt ihr Leben auf engstem Raum in quälender Langeweile. „VIER PFOTEN setzt alles daran, die Bären aus den Käfigen zu holen.
Unser Rettungsteam arbeitet rund um die Uhr daran, sie in den BÄRENWALD Belitsa, unser Schutzzentrum in Bulgarien, zu überführen“, berichtet Dr. Khalil
Dringende Einzelfälle
Unter den Löwen braucht Scar am dringendsten Hilfe. Sein Name leitet sich von einer tiefen Narbe über einem Auge ab – Zeugnis jahrelanger Kämpfe unter Rivalen. Schon als Welpe wurden ihm die Krallen entfernt. Kurz vor dem Nothilfeeinsatz von VIER PFOTEN geriet er erneut in einen Kampf, wodurch sich die alte Verletzung trotz Antibiotika entzündete. „Scar braucht intensive medizinische Versorgung und tägliche Pflege, um sein Augenlicht zu retten. Er muss hier raus“, sagt Dr. Khalil.
Auch Tigerin Luna benötigt schnelle Hilfe. Die seit der Kindheit isolierte Tigerin hat tiefe offene Wunden an Schwanz, Pfote und Brust. Zusätzlich leidet sie an gebrochenen Eckzähnen mit offenen Wurzelkanälen.
VIER PFOTEN setzt ein Zeichen
Dank der Kastration aller männlichen Großkatzen, der Separierung von Tieren, dem Schaffen von mehr Platz und einem abwechslungsreichen Beschäftigungsprogramm erwarten die Tierärzt:innen künftig deutlich weniger Konflikte unter den Großkatzen. Gleichzeitig werden weitere medizinische Untersuchungen und Maßnahmen zur Zahnpflege durchgeführt sowie chronische Erkrankungen versorgt, bis alle Tiere langfristig in artgemäße Einrichtungen umziehen können.
Die Nothilfemission im ehemaligen Zoo Lujan ist Teil einer Vereinbarung zwischen VIER PFOTEN und der argentinischen Regierung mit dem Ziel, die private Haltung und den kommerziellen Handel mit Großkatzen im Land zu beenden. „Wir helfen damit nicht nur den Löwen und Tigern im ehemaligen Zoo, sondern setzen zudem ein Zeichen für ganz Argentinien.
Langfristig wollen wir Gesetzesänderungen erreichen, damit in dem Land nie wieder eine Großkatze unter solchen Bedingungen leiden muss“, betont Dr. Khalil.
Die Großkatzen aus dem ehemaligen Zoo Lujan brauchen langfristige Unterstützung. Mit einer Patenschaft ab 20 Euro im Monat tragen Sie dazu bei, sie und viele weitere Löwen und Tiger weltweit medizinisch zu versorgen und lebenslang artgemäß unterzubringen.
Helfen Sie mit einer Patenschaft!
"Aufgeben ist keine Option"
Tierärztin Dr. Marina Ivanova hat viele Notfalleinsätzevon VIER PFOTEN erlebt, doch die Mission imehemaligen Zoo Lujan in Argentinien stellt auch für sieeine Ausnahmesituation dar.
Was war die größte Herausforderung bei dieser Mission?
Die Gleichzeitigkeit von allem. Es gab keinen Moment, um innezuhalten. Während ein Tier operiert wurde, verschlechterte sich der Zustand eines anderen. Gleichzeitig mussten wir die Sicherheitsrisiken einschätzen, Abläufe anpassen, Entscheidungen treffen und deren Konsequenzen sofort tragen. Man arbeitet permanent im Spannungsfeld zwischen dem, was nötig wäre, und dem, was in diesem Moment möglich ist.
Wie unterscheidet sich der Einsatz von anderen?
Normalerweise behandeln wir einzelne Notfälle, hier war fast jedes Tier ein Notfall. Dazu kam, dass viele gesundheitliche Schäden irreversibel waren. Das ist emotional schwer auszuhalten, weil man weiß: Selbst unsere beste Arbeit kann nicht alles ungeschehen machen. Dieser Einsatz hat mir sehr deutlich gezeigt, wie lange Tiere still leiden können, bevor jemand hinschaut.
Wann würdest du sagen: Diese Mission war erfolgreich?
Kurzfristig, wenn kein Tier mehr im ehemaligen Zoo um sein Überleben kämpfen muss. Langfristig, wenn die Tiere diesen Ort verlassen können und in Einrichtungen kommen, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Erst dann können wir sagen: Wir haben nicht nur reagiert, sondern wirklich etwas verändert.
Was muss jetzt unbedingt als Nächstes passieren?
Das Tempo darf nicht nachlassen. Die Tiere brauchen weiter medizinische Betreuung, Ruhe und eine klare Perspektive. Die administrativen und politischen Prozesse müssen vorangetrieben werden, damit die Umsiedlungen möglich werden. Jeder Stillstand kostet Zeit – und Zeit ist für diese Tiere ein kritischer Faktor.
Was wünschst du dir für den Tierschutz von Wildtieren in Zoos?
Ich wünsche mir, dass wir endlich aufhören, Wildtiere als Ausstellungsobjekte zu betrachten. Zoos dürfen kein Auffangbecken für gescheiterte Haltungsmodelle sein. Wenn Wildtiere nicht artgemäß gehalten werden können – und das ist oft der Fall –, dann müssen andere Lösungen gefunden werden.
Warum bist du bei Einsätzen wie diesem immer wieder dabei? Was treibt dich persönlich an?
Aufgeben ist für mich keine Option. Die Tiere haben keine Wahl, keine Stimme, keinen Ausweg. Wenn wir wegsehen, bleibt alles, wie es ist. Jeder Einsatz ist körperlich und emotional fordernd, aber jeder dankbare Blick, jede spürbare Erleichterung nach einer Behandlung erinnert mich daran, warum ich diesen Beruf ausübe. Solange wir etwas verändern können, müssen wir es auch tun!







