Leben statt nur überleben
Die Bären Gordo und Florencia verlassen endlich ihr Betongehege
Der Lastwagen hält, die Heckklappe öffnet sich und leises Schnauben aus zwei Transportkisten durchbricht die kalte Bergluft. Einsatzleiter Dr. Amir Khalil und das Team vom BÄRENWALD Belitsa stehen bereit, um die weit gereisten Braunbären Gordo und Florencia in Empfang zu nehmen. Hier, im bulgarischen Bärenschutzzentrum, das VIER PFOTEN in Kooperation mit der Stiftung Brigitte Bardot betreibt, endet für die Tiere eine 13.000 Kilometer lange Reise.
Vertrauen fassen
Hinter Gordo und Florencia liegt bei ihrer Ankunft in Belitsa mehr als nur ein Flug über Kontinente hinweg. Fast ihr gesamtes Leben verbrachten die Bären im argentinischen Zoo Lujan, der 2020 wegen gravierender Tierschutzprobleme geschlossen wurde. Doch auch Jahre später noch litten dort 62 Großkatzen und 2 Bären unter unzureichenden Bedingungen.
Dem Rettungsteam bot sich bei seiner Ankunft im August 2025 ein erschreckendes Bild: karge Gehege, mangelhafte Versorgung, verletzte und kranke Tiere. „Die jahrelange Vernachlässigung hat tiefe Spuren bei den Tieren hinterlassen, körperlich und psychisch“, sagt Dr. Khalil.
Im September unterzeichnete VIER PFOTEN eine Vereinbarung mit der argentinischen Regierung und übernahm offiziell die Verantwortung für die Tiere. Es folgte eine der größten Notfallmissionen, die die Organisation je durchgeführt hat: Alle 64 Wildtiere, darunter auch Gordo und Florencia, wurden im November untersucht sowie medizinisch versorgt und ihre Zukunft wurde geplant.
Hinter Gittern
Bärin Florencia ist heute 17 Jahre alt, vorsichtig und sensibel. Als Jungtier lebte sie im Zoo in einem kleinen Betongehege gemeinsam mit Gordo, später wurden die beiden getrennt. Gordo, ein Jahr jünger, ist trotz seiner Größe verspielt und sanftmütig. „Er ist wach, aber nicht aggressiv. Man merkt sofort, dass er mehr will, als ihm je gegeben wurde“, erklärt Dr. Khalil. Als Gordo in Argentinien untersucht werden sollte, peitschte ein Regensturm über das Gelände, der Boden wurde zu Schlamm, das medizinische Zelt mit den OP-Tischen durchnässt.
Den 350 kg schweren Braunbären unter diesen Umständen zu bewegen, war eine enorme Herausforderung, doch es gelang dank vieler helfender Hände. Die Diagnose: Gordo ist grundsätzlich gesund, aber stark übergewichtig und mental angeschlagen. Ihm mangelt es an Muskelmasse, da er sich in seinem Gehege kaum bewegen konnte. Beide Bären zeigen starke stereotype Verhaltensweisen, laufen immer wieder dieselbe kurze Strecke hin und her und wiegen mit dem Kopf. Kein Wunder, fehlte ihnen doch ein Leben lang alles, was ein Bärenleben ausmacht: Platz, Beschäftigung, natürliche Reize und die Möglichkeit zur Winterruhe.
Die Mission beginnt
Parallel zum tierärztlichen Check der Wildtiere holte das Team Genehmigungen ein, plante Transportwege und bereitete Quarantänemaßnahmen vor. Vor Ort begann die Vorbereitung der Tiere. Ihre Ernährung wurde auf artgemäßes Futter umgestellt, sie erhielten erste Beschäftigungsangebote und mussten täglich dafür trainieren, eine enge Transportbox zu betreten. „Wir müssen beides gleichzeitig leisten“, erklärt Dr. Khalil. „Akut helfen und langfristig denken. Das ist wie ein Uhrwerk. Jedes Teil muss funktionieren, sonst steht alles still. Und das können wir uns bei lebenden Tieren nicht leisten.“
Reise in ein neues Leben
Nachdem im Februar schließlich alle Vorbereitungen abgeschlossen sind, beginnt endlich der Transfer. Das Team hält den Atem an, als Gordo langsam in seine Kiste geht.
Florencia folgt später, vorsichtig, zögernd, doch schließlich ist auch sie in einer Box. „In diesen Minuten zeigt sich, ob das wochenlange Training erfolgreich war“, sagt Tierarzt Khalil. „Ob das Tier uns genug vertraut, um in eine Situation hineinzugehen, die es nicht einschätzen kann.“ Der Flug nach Europa verläuft ruhig. In Belitsa wartet bereits das Team des Bärenschutzzentrums. Doch noch ist die Reise für die beiden Bären nicht zu Ende.

Der entscheidende Schritt
Im BÄRENWALD Belitsa angekommen, beziehen Gordo und Florencia zunächst ihre Quarantänebereiche. Innen- und Außenanlagen stehen bereit, doch in den ersten Tagen bleiben die Tiere noch im geschützten Innenbereich. „Viele unterschätzen diesen Moment“, erklärt Dr. Khalil. „Für uns ist es eine Rettung. Für das Tier ist es ein kompletter Realitätswechsel.“
Neue Gerüche, neue Temperaturen, neue Geräusche – all das muss langsam verarbeitet werden. Nach zwei Tagen der Eingewöhnung öffnet sich die nächste Tür. Die Bären betreten große Außengehege mit verschneiten Waldgebieten, Wasserstellen und Höhlen. Zum ersten Mal können sie selbst entscheiden, wie sie ihren Tag gestalten.
Graben oder herumstreifen, baden oder spielen. Gordo hat anfangs Schwierigkeiten, auf natürlichem Waldboden zu laufen, gewöhnt sich aber schnell daran. Florencia erkundet nach einigem Zögern langsam ihr Gehege und ist begeistert, als sie unter dem Schnee versteckte Weintrauben entdeckt.
Schritt für Schritt beginnen die Bären, die Weite ihres neuen Zuhauses wirklich zu nutzen. „Das ist es, wofür wir arbeiten“, sagt Tierarzt Khalil. „Nicht die Rettung an sich. Sondern das, was danach passiert.“ Vielleicht werden die beiden Bären im nächsten Winter zum ersten Mal in ihrem Leben Winterruhe halten. Vielleicht auch nicht. Im BÄRENWALD Belitsa haben sie die Wahl.
Was Rettung wirklich bedeutet
Die Rettung von Gordo und Florencia zeigt, wie komplex nachhaltiger Tierschutz ist und wie wichtig die Zusammenarbeit mit den Behörden, Regierungen und den Verantwortlichen vor Ort ist. Noch sind Gordo und Florencia am Anfang ihres neuen Lebens. Vieles wird Zeit brauchen:
Die Bären müssen Muskeln aufbauen, Gordo muss einiges an Fett verlieren. Sie müssen lernen, dass es Menschen gibt, denen man vertrauen kann. Und sie werden instinktive Verhaltensweisen wiederentdecken. Die Voraussetzungen dafür sind geschaffen. Dort, wo zuvor Beton und Enge ihren Alltag bestimmten, gibt es jetzt Wald, Wasser und Ruhe. Wo Langeweile herrschte, gibt es Beschäftigung.
Und wo alles aussichtslos war, entsteht langsam Frieden.
Einfach Bär sein
Interview mit Nikola Popkostadinov, Betriebsleiter des BÄRENWALD Belitsa
Der BÄRENWALD Belitsa hat eine besondere Geschichte. Wie hat alles begonnen?
Das Schutzzentrum wurde 2000 von VIER PFOTEN und der Stiftung Brigitte Bardot als TANZBÄRENPARK gegründet, um ehemaligen „Tanzbären“ aus dem gesamten Balkan ein sicheres Zuhause zu bieten. Der „Bärentanz“ war eine grausame Praxis, bei der Bären gezwungen wurden, zu Musik auf heiße Metallplatten zu treten und so zu „tanzen“.
Gibt es immer noch „Tanzbären“ in der EU?
Im Jahr 2007 retteten wir die letzten drei „Tanzbären“ Bulgariens, im Jahr 2009 die letzten aus Serbien. Damit wurde die grausame Praxis des „Bärentanzes“ in Europa beendet: ein großer Meilenstein für unsere Arbeit! Seitdem hat sich das Schutzzentrum weiterentwickelt. Es ist zu einem Zuhause für Bären aus verschiedenen Ländern und Kontinenten geworden, die in Gefangenschaft unter ungeeigneten Bedingungen gehalten wurden. Im Jahr 2022 nannten wir das Zentrum darum in BÄRENWALD Belitsa um.
Was sind die größten Herausforderungen?
Viele Tiere kommen nach Jahren schlechter Haltung zu uns und leiden unter Verhaltensstörungen oder chronischen Erkrankungen. Besonders ehemalige „Tanzbären“ tragen schwere Traumata:
Entfernte Krallen führen zu Schwierigkeiten beim Laufen und Klettern; durch die Nase gestochene Metallringe hinterlassen bleibende Schäden an Kiefer und Zähnen. Auch die Bären, die wir heute aus Zoos oder Privatbesitz retten, haben oft körperliche Probleme, etwa Arthritis durch langes Stehen auf Betonböden oder abgenutzte Zähne durch das Kauen an Gitterstäben. Alle Tiere in unserer Obhut erhalten eine lebenslange, intensive tierärztliche Versorgung.
Nach der Rettung ist also nicht alles gut?
Nein und das überrascht viele Menschen.
Oft verschwinden die früh erlernten, stressbedingten Verhaltensweisen nie ganz. Selbst nach Jahren in naturnahen Gehegen zeigen einige Bären immer noch sogenannte Stereotypien. Sie wiederholen Bewegungen, wiegen den Kopf hin und her oder laufen im Kreis. Gleichzeitig entdecken viele Bären bei uns zum ersten Mal natürliche Verhaltensweisen wie Winterruhe, Nahrungssuche oder das Graben von Höhlen. Das zeigt, wie stark ihre Instinkte sind – und wie wichtig es ist, ihnen die Chance zu geben, einfach Bär zu sein.
Was wünscht du dir für die Zukunft?
Dass eines Tages alle Tiere auf der ganzen Welt friedlich und vor grausamen Praktiken geschützt leben können. Bis dahin setzen wir uns weiterhin dafür ein, den Bären im BÄRENWALD Belitsa ein sicheres und liebevolles Zuhause zu bieten.