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Schimpanse Robby: Stellungnahme

8.11.2018

VIER PFOTEN zur Entscheidung im Fall des Zirkus-Affen Robby

Hier lesen Sie die ausführliche Stellungnahme von VIER PFOTEN zur Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg vom 08.11.2018, dass Schimpanse Robby im Zirkus bleiben muss.

Abwägung von Experten-Meinungen

In dem inzwischen bereits sechs Jahre währenden Verfahren sind verschiedene Expertengutachten sowohl von Tierärzten als auch von Primatologen herangezogen worden. Diese haben sowohl Robbys Gesundheitszustand als auch sein Verhalten in der Zirkusumgebung untersucht. Ebenso wurde untersucht, ob Robby Chancen auf eine Resozialisierung mit Artgenossen hat. Bei Robby wurden schwerwiegende Verhaltensanomalien durch die jahrzehntelange Einzelhaltung in der Zirkusumgebung festgestellt. Die Chancen auf eine Resozialisierung waren hoch. Trotzdem erachtete es das Gericht als nicht verhältnismäßig, Robby an eine geeignete Auffangstation abzugeben.

Kein Haustier, sondern ein Menschenaffe – ein Wildtier

Wir Menschen neigen dazu, Robby als zahmes Haustier anzusehen. Damit übersehen wir aber seine wahre Schimpansennatur, um die er bisher betrogen wurde. Das Bild, das Robby bei seinen kindischen Zirkusauftritten vermittelt, hat nichts mit Schimpansen zu tun und beleidigt die echte Intelligenz und verschmitzte Schlitzohrigkeit, mit der sich Schimpansen als unsere haarigen Vettern ausweisen. Anders als Haustiere brauchen Wildtiere keinen Menschen zur Bindung, zum Schutz oder als Fürsorger. Nur wenn man sie im Säuglingsalter schon von ihrer Mutter trennt und ohne Artgenossen aufzieht, fokussieren sich Menschenaffen – notgedrungen – auf Menschen.

Zwar beschäftigt sich der Zirkusdirektor im Rahmen seiner Möglichkeiten mit Robby, jedoch gilt dies nur für wenige Stunden am Tag. Dies stellt keinen angemessenen Ersatz für Artgenossen dar. Entsprechend zeigt Robby Verhaltensdefizite, denn in dieser extrem unnatürlichen Umgebung kann er sein artgemäßes Sozialverhalten (wie Bindung und Konkurrenz mit diversen Partnern verschiedenen Alters und beiderlei Geschlechtes) nicht ausleben.

Wir können die sehr menschliche Sicht der Zirkusfamilie durchaus nachvollziehen und achten die Tatsache, dass sie sich für Robbys Wohlbefinden verantwortlich fühlt. Wir bezweifeln aber, dass Robby tatsächlich nur in der Zirkusfamilie gut aufgehoben ist. Stattdessen sind wir der Ansicht, dass man Robby – besser spät als nie – die Möglichkeit hätte geben sollen, ein artgerechteres Leben zu führen und neue Bindungen zu knüpfen.

Zirkusumgebung ist für Schimpansen völlig ungeeignet

Dem intelligenten und hochsozialen Menschenaffen blieb über Jahrzehnte ein artgemäßes Leben mit Artgenossen verwehrt. Stattdessen verbrachte er die meiste Zeit in einem langweiligen, winzigen Anhänger oder einem kargen Außengehege. Außerhalb seiner Auftritte schwankte sein Dasein zwischen einsam und reizarm und plötzlichem Menschenandrang, wenn Zirkusbesucher die Wildtiere bestaunen durften. Für seine zurückliegenden Auftritte in der Manege wurde Robby in einen Anzug gezwängt und angeleint, musste Roller fahren und Ball spielen. Seit seiner Kindheit lebt er isoliert von artgemäßen Sozialpartnern.

Schimpansen haben ausgeprägte Bedürfnisse nach geistiger Anregung und sozialer Einbettung, daher ist bereits die Einzelhaltung des Schimpansen extrem tierschutzwidrig. Die Bindung zwischen dem Schimpansen Robby und dem Direktor von Circus Belly ist in der aktuellen Situation sicher wichtig für Robby, doch er hatte niemals eine andere Wahl. Es wäre zu erwarten gewesen, dass Robby sich mit Artgenossen anfreundet und soziale Kompetenzen entwickelt, die bislang nur in ihm geschlummert haben und die er nicht ausleben konnte.

Gesetzliche Vorgaben jahrelang missachtet

Außer Acht gelassen werden darf nicht, dass nach den gesetzlichen Vorgaben für Zirkusse (Zirkusleitlinien) Menschenaffen gar nicht mehr in Zirkussen gehalten werden dürften – eben weil sie sehr hohe Haltungsansprüche haben. Daher wird Zirkussen schon seit Jahren keine neue tierschutzrechtliche Erlaubnis für die Haltung von Menschenaffen erteilt. Robby ist hier eine Ausnahme, die eigentlich nicht sein dürfte. Außerdem ist nach den gesetzlichen Richtlinien für Zoos (Säugetiergutachten) die Einzelhaltung von Schimpansen tierschutzwidrig.

Daneben ist nach dem Säugetiergutachten ein mindestens 200 Quadratmeter großes Außen- und Innengehege vorgeschrieben. Im Zirkus stehen Robby gerade einmal etwa 25 Quadratmeter Außengehege und 25 Quadratmeter im Käfigwagen zur Verfügung. Das ist um ein Zehnfaches zu wenig. Bisher hat sich Robby fügsam verhalten, doch besteht bei Schimpansen immer eine Gefahr, dass sie zornig werden und ihre Riesenkräfte entfalten. Der Zirkuswagen dürfte in diesem Fall keinen Schutz bieten und somit wären Besucher und Eigentümer akut gefährdet.

Resozialisierung hätte gute Erfolgsaussichten gehabt

Der Schimpanse mag sich an sein verarmtes Umfeld und den kurzzeitigen menschlichen (und tierischen) Ersatz angepasst haben, doch wir gehen davon aus, dass er an eine seiner Natur viel mehr entsprechenden Situation hätte herangeführt werden können. Eine Resozialisierung von Schimpansen aus schlechten Haltungen – auch Einzelhaltungen – wurde in spezialisierten Einrichtungen bereits vielfach erfolgreich durchgeführt.

Es gibt auch Präzedenzfälle von anderen Schimpansen, die ein ähnlich hohes Lebensalter wie Robby hatten und sich dennoch sehr gut in ein artgerechteres Dasein eingefunden haben. Bis auf sein Übergewicht ist Robby in einem guten Gesundheitszustand. Schimpansen können deutlich über 50 Jahre alt werden. In spezialisierten Auffangstationen finden sich erfahrene Mitarbeiter und passende Schimpansenpartner mit ähnlichen Biographien. Zusammen mit ihnen hätte Robby lernen können, wieder Schimpanse zu sein.

Die Primatologin Dr. Signe Preuschoft hat bereits erfolgreich Schimpansen, die teils im Tierversuchslaboren über Jahrzehnte in Einzelhaft gesessen haben, resozialisiert. „Auch damals war gefürchtet worden, dass diese Schimpansen sich alle gegenseitig umbringen würden. Weit gefehlt! In einem therapeutisch angelegten Verfahren konnten sie ein vergleichsweise artgerechtes Gruppenleben erlernen und, wie Stresshormonuntersuchungen ergaben, sogar genießen“, berichtet Dr. Preuschoft. Die Primatologin, die von VIER PFOTEN in Indonesien gerettete Orang-Utan-Waisen zu einem Leben in Freiheit ausbildet, betont die Lernfähigkeit und den unverwüstlichen Willen zur Genesung von Menschenaffen.

VIER PFOTEN bedauert sehr, dass Robby diese Chance auf ein artgemäßeres Leben und eine höhere Lebensqualität verwehrt bleiben soll.