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Bewertung der wichtigsten „Mehr Tierwohl“-Kriterien

10.5.2016

Nutztier-Expertin Ina Müller-Arnke kommt zu einem ernüchternden Ergebnis

Ina Müller-Arnke ist Agraringenieurin mit dem Schwerpunkt Ökologische Landwirtschaft und Nutztier-Expertin bei VIER PFOTEN. Sie hat die wichtigsten Kriterien in der Einstiegsstufe des geplanten staatlichen Tierwohllabels analysiert. Hier lesen Sie das ernüchternde Ergebnis:

Platzangebot
Das sogenannte Tierwohllabel sichert einem Schwein in der Endmast 1,3 Quadratmeter Platz zu, statt, wie es der gesetzliche Mindeststandard verlangt, einem Quadratmeter. Das Tierschutzbündnis fordert dagegen mindestens 50 Prozent mehr Platz (1,5 Quadratmeter pro Schwein), davon mindestens 0,8 Quadratmeter als Liegebereich. Dieser ist wichtig, damit die Schweine Rückzugsmöglichkeiten haben und ungestört ruhen können. Dieser Ruhebereich muss eingestreut sein, um Liegeschwielen zu vermeiden.

Beschäftigung und Raufutter
Das sogenannte Tierwohllabel schreibt ständigen Zugang zu Raufutter und Beschäftigungsmaterial für Schweine vor. Der ständige Zugang zu Beschäftigungsmaterial entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, der EU-weit seit fast zehn Jahren gilt (EU-RL 2008/120/EG). Die Tierschützer kritisieren, dass eine Angabe der Mindestmenge für das Raufutter fehlt.

Buchtenstrukturierung
Das sogenannte Tierwohllabel schreibt eine geschlossene Liegefläche nur für Aufzuchtferkel vor. Zucht- und Mastschweine dürfen weiterhin auf Beton-Vollspaltenböden gehalten werden. Das Tierschutzbündnis fordert dagegen eine eingestreute Liegefläche für alle Schweine, die ein bequemes Liegen ermöglicht und eine Buchtenstrukturierung mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten, zum Beispiel auch vor aggressiven Artgenossen, bietet.

Kastenstand
Das sogenannte Tierwohllabel verringert die Zeit der Kastenstandhaltung von Sauen im Deckbereich, erlaubt jedoch weiterhin die wochenlange Kastenstandhaltung von Sauen im Abferkelbereich. Der Kastenstand ist ein Metallgestell, das nicht größer ist als die Sau selbst, so dass diese sich nicht einmal umdrehen kann und voll fixiert ist.  Der Boden besteht aus Beton- Teilspaltenboden ohne Einstreu. Das für die kurz vor der Geburt stehenden Sauen so wichtige Nestbaumaterial gibt es nicht.

Der Mangel an Bewegung und Beschäftigungsmöglichkeiten, das Gezwungensein, dort hin zu koten, wo sich die Sau auch hinlegen muss sowie die Isolation von der Gruppe ist für die Tiere eine Tortur, die zu verschiedenen Gesundheits- und Verhaltensstörungen führt. Nach dem Magdeburger Urteil, das im November 2016 vom Bundesverwaltungsgericht als rechtskräftig bestätigt wurde, sind gängige Kastenstände, in denen eine Sau sich nicht ungehindert in Seitenlage hinlegen kann, im Deckbereich nicht mehr zulässig. Das sogenannte Tierwohllabel entspricht hier also auch nur dem derzeit gültigen Gesetzesstandard.

Schwanzkupieren
Das routinemäßige Kürzen von Ringelschwänzen ist seit 1994 EU-weit verboten, in Deutschland  ist dies in schätzungsweise 99 Prozent der Schweine haltenden Betriebe jedoch geduldete Realität. Die Begründung der Industrie, es ginge nicht anders, weil die Schweine sich sonst die Ringelschwänze gegenseitig abbeißen, rechtfertigt nicht den seit Jahrzehnten geduldeten Rechtsbruch. Nur durch Beschäftigungsmangel, Langeweile, Platznot und Managementfehler fangen die Schweine bereits im Ferkelalter an, sich gegenseitig an den Ringelschwänzen zu knabbern.

Alternative Schweinehaltungen zeigen seit Jahrzehnten, dass Schwanzkupieren nicht notwendig ist, wenn Schweine ihren Bedürfnissen entsprechend gehalten werden. Dies bedeutet: jederzeit ausreichend Raufutter wie Heu oder Silage, viel Stroh zum Wühlen und um eine weiche Liegefläche zu bieten, ausreichend adäquate Tränken und Futterplätze, viel mehr Platz, Rückzugsmöglichkeiten und im besten Fall ein Auslauf im Freien.

Transportdauer
Das sogenannte Tierwohllabel schreibt eine maximale Transportdauert von acht Stunden vor. Das Tierschutzbündnis fordert eine maximale Transportdauer von vier Stunden.

Schlachtung (bessere Kontrolle von Betäubungen)
Das sogenannte Tierwohllabel fordert ein Verfahren zur Kontrolle der Wirksamkeit der sicheren und tiefen Betäubung, macht jedoch keine konkreten Vorgaben hierzu. Das Tierschutzbündnis fordert konkrete Maßnahmen, die die hohe Anzahl von Fehlbetäubungen verhindern. Es bedarf konkreter Vorgaben (Kriterienkatalog) zur Feststellung der Wirksamkeit der Betäubung, strengere Kontrollen und Sanktionen von Tierschutzverstößen in allen Bereichen: bei Anlieferung, im Wartebereich, bei Betäubung und Schlachtung. Das Tierschutzbündnis fordert zudem die Erhebung tierbezogener Parameter am Schlachthof mit Rückmeldung an die Landwirte.

Eine Gegenüberstellung der gesetzlichen Vorgaben, der „Mehr Tierwohl“- und der VIER PFOTEN „Tierschutz kontrolliert“- Kriterien finden Sie hier.

Das staatliche Tierwohllabel muss geStoppt werden!

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Ina Müller-Arnke

Nutztier-Expertin

Expertin im Fachbereich Nutztiere

seit Dezember 2008 bei VIER PFOTEN