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Kastenstand

11.7.2019

In der Tierindustrie sind Sauen nur Gebärmaschinen – und werden in tierschutzwidrige Käfige gesperrt

VIER PFOTEN fordert Bund und Länder auf, die Kastenstandhaltung abzuschaffen und die Sauenhaltung so zu regeln, dass sie bestehenden Gesetzen entspricht. Die Hamburger Rechtsanwältin Dr. Davina Bruhn hat im Auftrag von VIER PFOTEN ein Gutachten erstellt, welches den Verstoß gegen das Tierschutzrecht und die Verfassungswidrigkeit der Kastenstandhaltung nachweist.

Gleiches gilt auch für die vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) geplante Neuregelung zur Sauenhaltung: Bruhn stellt in seiner Kurzexpertise zum aktuellen Verordnungsentwurf des BMEL zur Änderung der Sauenhaltung vom 28.05.2019 klar, dass die geplante Neuregelung gegen das Tierschutzgesetz verstößt und verfassungswidrig ist:  „Man kann die Vorgehensweise des BMEL als geradezu perfide bezeichnen: Eine Haltungspraxis, die seit Jahren gegen die Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung verstößt, soll nun durch eine Änderung der Verordnung für die nächsten 15-17 Jahre legalisiert werden.“ Auch nach Ablauf der Übergangsfrist plant das BMEL, Kastenstände nicht abzuschaffen, sondern mit einer verkürzten Fixierdauer bis auf unbestimmte Zeit bestehen zu lassen.  Hier geht es zur Pressemitteilung.

VIER PFOTEN hat gemeinsam mit anderen Tierschutzverbänden eine Stellungnahme zu dem Entwurf beim BMEL eingereicht.

Wie das Leben einer Zuchtsau aussieht, sehen Sie in diesem Video:

Hinweis: Bei Ansicht dieses Videos eventuell auftauchende Werbeeinblendungen stehen in keinem Zusammenhang mit VIER PFOTEN. Wir übernehmen für diese Inhalte keinerlei Haftung.

Zuchtsauen können sich nicht einmal umdrehen

Sauen, die in hochmodernen Schweinezuchtbetrieben für die Ferkelproduktion verwendet werden, verbringen ungefähr die Hälfte ihres – ohnehin nicht langen – Lebens in körpergroßen Metallkäfigen, von der Industrie als „Kastenstand“ bezeichnet. Dieser Kastenstand ist so klein, dass die Sau sich nicht einmal umdrehen kann. Völlig isoliert von der Gruppe hat sie keinen Kontakt zu Artgenossen und kann weder herumlaufen, noch erkunden oder sich suhlen. Es versteht sich wohl von selbst, dass die natürlichen Bedürfnisse des Hausschweins so nicht ansatzweise erfüllt werden.

Die Industrie begründet diese Haltungsform mit dem Ziel, die Sterberate von Ferkeln gering zu halten. Es geht aber vor allem um Wirtschaftlichkeit: In möglichst kurzer Zeit auf möglichst kleinem Raum möglichst viele Schweine zu produzieren.

Ferkel am Fließband

Muttersauen werden wie Gebärmaschinen behandelt. Ihr Leben ist ein ununterbrochener Zyklus aus künstlicher Besamung, Trächtigkeit, Geburt, Säugezeit und erneuter Besamung, so dass eine Sau zwei bis drei Mal im Jahr Ferkel bekommt.

Kastenstand für trächtige Sauen

Kastenstand im Deckzentrum für trächtige Sauen

Mit rund sieben Monaten wird die Jungsau zum ersten Mal besamt. Dazu wird sie im „Deckzentrum“ in den Einzelkäfig gesperrt. Per Hormonspritze wird die „Rausche“ (Phase der Empfänglichkeit) herbeigeführt. So kann die Sau künstlich besamt werden. Danach bleibt sie für mindestens vier Wochen in diesem Metallkäfig. Die Industrie argumentiert, dass es so wahrscheinlicher sei, dass die Schwangerschaft erhalten bleibt.

Etwa eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin wird die Sau in den „Abferkelstall“ gebracht, wo sie, erneut im Käfig („Abferkelbucht“) eingepfercht, etwa zehn bis 20 Ferkel zur Welt bringt und rund drei bis vier Wochen säugt. Dabei trennt das Gitter die Mutter von ihren Ferkeln.

Zwar können die Ferkel unter den Stangen an die Zitzen der Mutter gelangen, die Mutter kann jedoch keinen liebevollen Kontakt zu ihren Ferkeln aufnehmen. Sie kann sich ja so gut wie gar nicht bewegen. Nach der Säugephase wird die Sau meist sofort wieder ins Deckzentrum und erneut in den Schweinekäfig gebracht. Nur im Zeitraum dazwischen, während ihrer Trächtigkeit, muss sie für einige Wochen in der Gruppe gehalten werden. 

Eine Sau durchläuft diesen „Produktionszyklus“ so lange, bis sie die gewünschte „Aufzuchtleistung“ von etwa 30 Ferkeln pro Jahr nicht mehr erbringt – dann wird sie geschlachtet. Die meisten Sauen überleben diese Tortur nur wenige Jahre. Dabei würde die natürliche Lebenserwartung von Schweinen sehr viel höher liegen.

Kastenstand in der "Abferkelbucht"

Rechtliche Situation

Ein seit 2015 bestehendes Urteil stellt fest, dass die bestehenden Kastenstände viel zu eng sind. Sie entsprechen bereits seit 1992 nicht den Anforderungen der Haltungsverordnung und sind deshalb illegal. Die Haltungsverordnung besagt, dass „Schweine in Seitenlage ihre Gliedmaßen ungestört ausstrecken können müssen.“ Statt zumindest endlich für die Umsetzung dieser Vorgabe zu sorgen, will die Bundesregierung die illegalen Kastenstände für weitere 17 Jahre bestehen lassen. Doch auch danach soll diese tierquälerische Haltungsform erhalten bleiben, lediglich die Zeit soll verkürzt werden, in der die Sauen darin fixiert werden dürfen. Um den illegalen Zustand legal zu machen, ist geplant, den entscheidenden Satz „dass die Schweine ihre Gliedmaßen in Seitenlage ungehindert ausstrecken können müssen“ einfach aus der Verordnung herauszustreichen.  So wird ein gesprochenes Gerichtsurteil nicht nur völlig ignoriert, sondern einfach außer Kraft gesetzt - zur Verschlechterung für die Tiere.

Informieren Sie sich hier über die Hauptprobleme der Kastenstandhaltung.

vier pfoten fordert

  • Ein Verbot der Haltung von Sauen in Kastenständen, sowohl im Deckbereich als auch im Abferkelbereich
  • Freie Abferkelsysteme (mit Schutzvorrichtungen gegen Erdrücken der Ferkel), in denen die Sau ein Nest bauen, sich bewegen und umdrehen und Sozialkontakt zu ihren Ferkeln aufnehmen kann
  • Gruppenhaltung von Sauen, stabile Gruppenzusammensetzung
  • Begrenzung einer Einzelfixierung auf ein absolutes Minimum (stundenweise), z.B. zu Behandlungszwecken
  • Jederzeit verfügbares Langstroh als Nestbaumaterial im Abferkelbereich vor den Tagen der Geburt
  • Jederzeit verfügbares Raufutter zum Fressen und zur Beschäftigung für Sauen (im Deck-, Warte- und Abferkelbereich)
  • Ausreichend Platz zur freien Bewegung und zur Strukturierung der Bucht
  • Eingestreute, weiche Liegeflächen und abgegrenzte Ruhebereiche
  • Ausschließliche Verwendung von Sauen, die im Durchschnitt nur so viele Ferkel zur Welt bringen, wie sie selbst säugen können (Durchschnittliche Anzahl der Ferkel pro Wurf darf Anzahl der Zitzen nicht übersteigen)