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Bedürfnisse des Hausschweins

30.8.2012

Biologe Dr. Christian M. Hammer erklärt, was Schweine wirklich brauchen

Schwein in Freilandhaltung.

Die Domestikation von Schweinen begann vermutlich vor Jahrtausenden. Die heute rund 150 existierenden Rassen des europäischen Hausschweins stammen vor allem vom europäischen Wildschwein und von Kreuzungen mit dem ostasiatischen Bindenschwein ab, das britische Seefahrer im 18. Jahrhundert nach Europa mitbrachten. Jahrhunderte lang wurden die Schweine im Herdenverband gehalten, kamen tagsüber auf die Weide, in den Wald oder auf die Straße, und wurden nachts in Ställe gebracht. Die Intensivhaltung trat erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Erscheinung.

Die natürliche Lebenserwartung von Schweinen liegt bei etwa zwölf Jahren. 100 Kilogramm schwere Mastschweine werden in der Regel aber schon mit einem halben Jahr – dem Alter der Geschlechtsreife – geschlachtet, Zuchtsauen, sobald sie die erwartete Wurfleistung nicht mehr erfüllen, in der Regel nach wenigen Jahren.

Grundbedürfnisse des Schweins

Schweine haben ein organisiertes Sozialgefüge mit strenger Rangordnung und geregelte Tagesabläufe. (Lesen Sie hier, wie ein natürlicher Schweinetag aussehen würde.) Normalerweise leben Schweine in Rotten von 20 bis 30 Tieren, die aus Muttertieren und deren Nachwuchs bestehen. Die männlichen Tiere verlassen nach der Geschlechtsreife die Rotte, schließen sich für eine gewisse Zeit zu separaten Gruppen zusammen, um schließlich ein einzelgängerisches Dasein zu führen. Nur zur Paarungszeit schließen sie sich den Rotten an.

Kontakt- und Distanzbedürfnis zu Artgenossen

Schweine brauchen Kontakt zu Artgenossen.

Mit Ausnahme der älteren Eber sind Schweine hochsoziale Säuger, die ein starkes Kontaktbedürfnis zu Artgenossen haben. Das Trennen etablierter Gruppen und die Einzelhaltung von Jungtieren oder Sauen verursachen Stress. Beides sind gängige Praxen  in der Schweinehaltung.

Die meisten Aktivitäten führen Schweine in der Gruppe, oder zumindest in Gruppennähe, aus. Bedingt durch die Rangordnung gibt es bei Schweinen auch Situationen oder Aktivitäten, bei denen sie sich aus dem Weg gehen oder zumindest einen gewissen Mindestabstand einhalten. Bei Nichteinhaltung der Distanz, zum Beispiel beim Fressen, kann es zu aggressiven Auseinandersetzungen kommen. In den stark beengten Verhältnissen der Intensivhaltung kommen solche Konflikte sehr häufig vor, da sich die Tiere nicht aus dem Weg gehen können. Es kommt oft zu Verletzungen und einem permanent erhöhten Stresslevel. Dadurch, dass Gruppen immer wieder neu zusammengesetzt werden, kehrt niemals Ruhe ein: Neuzugänge oder das „Freiwerden“ von Rangpositionen haben erneute Rangkämpfe zur Folge.

Reinlichkeitsbedürfnis und Körperpflege

Das Bild eines in Fäkalien liegenden oder sich gar darin suhlenden Schweins entspricht keineswegs der natürlichen Veranlagung der Tiere. Ganz im Gegenteil: Schweine, die in der Intensivhaltung zu einem ständigen Leben in eigenen Exkrementen gezwungen werden, leiden darunter.

Da Schweine nicht schwitzen können, regulieren sie ihre Körpertemperatur durch Baden, Wälzen oder Suhlen. Schweine unter intensiven Haltungsbedingungen haben keine Möglichkeit, diese angeborenen Verhaltensweisen artgerecht auszuführen. Aus der Not heraus versuchen sie sich über das Verspritzen von Trinkwasser Kühlung zu verschaffen, oder aber über das artwidrige Suhlen im eigenen Kot und Urin.

Aus der Kombination von zu warmem Stallklima und einem erhöhten, fäkalienbedingten Ammoniakgehalt der Atemluft, ergeben sich außerdem starke gesundheitliche Risiken für die Schweine. Herz-Kreislauf-Beschwerden und Atemwegserkrankungen, wie zum Beispiel Lungenentzündung, sind keine Seltenheit.

Des Weiteren sind die von Natur aus recht ungelenkigen Schweine auf geeignete Scheuermöglichkeiten angewiesen. Das Scheuern entfernt Schlamm, Kot und Parasiten. Unter intensiven Haltungsbedingungen gibt es meist keine, oder völlig unzulängliche Scheuermöglichkeiten. Permanenter Juckreiz und die Nichtbefriedigung angeborener Bedürfnisse, wie zum Beispiel das Suhlen, führen zu einem hohen Frustrationslevel, das oft in gesteigerten Aggressivität gegenüber Buchtenpartnern mündet.

Befindlichkeitsindikatoren

Das Auftreten oder Ausbleiben bestimmter Verhaltensweisen kann dem geschulten Auge Aufschluss darüber geben, inwiefern eine vorliegende Haltungsform die Grundbedürfnisse eines Tieres befriedigt und als art- und verhaltensgerecht bezeichnet werden kann. Ausgiebiges Spielverhalten ist zum Beispiel ein guter Indikator für positive Verhältnisse. Gerade Ferkel haben einen ausgeprägten Spieltrieb, den sie in naturnaher Freilandhaltung ausgiebig ausleben. In Intensivhaltung sind dazu weder Platz noch adäquate Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben.

Unter der übergeordneten Kategorie „Komfortverhalten“ werden einerseits Handlungen verstanden, die dem Bereich „Körperpflege“ zuzuordnen sind. Andererseits gehören dazu auch Verhaltensweisen, die Behaglichkeit, Verträglichkeit, Kontaktfreude und Entspannung darstellen (zum Beispiel Gähnen, Strecken, Einnisten). Bei der Beurteilung des Komfortverhaltens ist allerdings Vorsicht geboten. Einige Elemente, wie Gähnen, Strecken oder Kratzen, können auch Übersprunghandlungen sein – aus einem Konflikt oder einem widrigen Umstand heraus. Wichtig für die Beurteilung des Tieres ist immer die Berücksichtigung des gesamten Verhaltenskontextes. Stereotypien, Selbstverstümmelung, apathisches oder übertrieben aggressives Verhalten bis hin zu Kannibalismus, sind Zeichen für schlechte Haltungsbedingungen.

Stereotype Verhaltensweisen können bei Schweinen in Intensivhaltung sehr häufig beobachtet werden. Hierzu zählen zum Beispiel Stangenbeißen, Leerkauen oder Leerwühlen. Apathie und übertriebene Aggressivität aufgrund von Dauerstress und fehlenden Fluchtmöglichkeiten treten ebenfalls sehr häufig auf.