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Tierfreundliche milch – geht das überhaupt?

12.10.2017

Bio-Bauer Hans Möller über die muttergebundene Kälberaufzucht in der Praxis

In der konventionellen Landwirtschaft trennt man Milchkühe und Kälber schon wenige Stunden oder Tage nach der Geburt. Das Leid der Kälber und Kühe ist groß: Mutterkühe rufen nach ihren Kälbchen, Kälber entwickeln oft Verhaltensstörungen. Hans Möller leitet einen Biolandhof in der Nähe von Hamburg und setzt auf alternative Milchkuhhaltung. VIER PFOTEN hat mit ihm darüber gesprochen, wie das in der Praxis funktioniert.

VIER PFOTEN im Interview mit Bio-Bauern Hans Möller

Normalerweise werden Kälber von Milchkühen schon nach den ersten Lebenstagen von der Mutter getrennt, damit man die gesamte Milch für den menschlichen Verzehr nutzen kann. Sie machen es anders: Seit 2015 betreiben Sie die sogenannte muttergebundene Kälberaufzucht. Wie können wir uns das vorstellen?

Bei uns bleibt jedes Kalb drei Monate lang durchgehend bei seiner Mutter und läuft im Herdenverband mit. So können die Kälber miteinander spielen, aber auch jederzeit Nähe und Schutz bei ihrer Mutter suchen. An der Mutter saugen die Kälber immer dann, wenn sie Hunger oder Durst verspüren.

Wie haben Sie Ihre Kälber vorher aufgezogen?

Vor der Umstellung haben wir unsere Kälber mit Hilfe von Ammenkühen aufgezogen. Jeweils eine Ammenkuh, die nicht gemolken wurde, hat zwei Kälber gesäugt.

Warum sind Sie auf die muttergebundene Kälberaufzucht umgestiegen?

Als ich noch Ammenkuhhaltung betrieben habe, bekam immer das größere Kalb die meiste Milch und das kleinere bekam zu wenig. Auch das Aneinander-Gewöhnen hat ein bis drei Wochen gedauert und war häufig schwierig, da nicht jede Amme jedes Kalb angenommen hat und umgekehrt nicht jedes Kalb bei der Amme getrunken hat. Mit der muttergebundenen Aufzucht ist es einfacher. Die enge Mutter-Kind-Bindung sorgt dafür, dass die Kälber sofort und dann auch nur bei ihrer eigenen Mutter saugen. Da die Tiere auf der Weide ganzjährig freien Zugang zu Gras haben, fangen die Kälber bereits ab dem zweiten Lebenstag an, das erste Gras zu probieren. Am Ende des dritten Lebensmonats können sie sich schon ohne Milch ernähren.

Normalerweise werden Kälber von Milchkühen schon nach den ersten Lebenstagen von der Mutter getrennt, damit man die gesamte Milch für den menschlichen Verzehr nutzen kann. Sie machen es anders: Seit 2015 betreiben Sie die sogenannte muttergebundene Kälberaufzucht. Wie können wir uns das vorstellen?

Bei uns bleibt jedes Kalb drei Monate lang durchgehend bei seiner Mutter und läuft im Herdenverband mit. So können die Kälber miteinander spielen, aber auch jederzeit Nähe und Schutz bei ihrer Mutter suchen. An der Mutter saugen die Kälber immer dann, wenn sie Hunger oder Durst verspüren.

Was geschieht nach den ersten drei Lebensmonaten mit den Kälbern?

Dann werden die Kälber abgesetzt. Wir bringen sie gemeinsam auf eine Weide, die nicht in Sichtnähe zu ihren Müttern gelegen ist. Nach zwei bis drei Tagen haben sich beide an die neue Situation gewöhnt.

Wie viele Kühe haben Sie und welcher Rasse gehören sie an?

Derzeit leben 25 Kühe mit ihren Kälbern auf unseren fünf Hektar Winterweide und 25 Hektar Sommerweide. Bis auf wenige Ausnahmen gehören alle einer alten Zweinutzungsrasse an - dem schwarz-bunten Niederungsrind. Diese Rinder geben zwar im Durchschnitt jährlich weniger Milch als eine Hochleistungskuh, aber dafür leben sie länger und werden selten krank.

Wenn wir hier über die Weide schauen, sehen wir, dass fast alle Tiere Hörner tragen. Wie ist Ihre Erfahrung damit und warum verzichten Sie auf die schmerzhafte Enthornung der Tiere?

Ich bin der Meinung, dass Hörner zum Rind gehören. Sie sind wichtig für seine Kommunikation und Klärung der Rangordnung innerhalb der Herde. Wenn, wie bei uns, ausreichend Platz zur Verfügung steht, besteht keine Verletzungsgefahr.

In der industriellen Milchviehhaltung kann man bei Kälbern massive Verhaltensstörungen, wie beispielsweise gegenseitiges Besaugen, beobachten. Kommt dies auch bei Ihnen vor?

Verhaltensstörungen wie das gegenseitige Besaugen von Kälbern oder Nabelsaugen gibt es bei uns zum Glück nicht. Auch das Saugen an einer fremden Kuh habe ich noch nicht beobachtet. Die Kälber können jederzeit bei ihrer Mutter trinken, sie haben ausreichend Beschäftigung und können sich an der frischen Luft nach Belieben frei bewegen.

Was geschieht mit den männlichen Kälbern?

Die männlichen Kälber werden unter Betäubung von einem Tierarzt kastriert, damit wir sie als Ochsen gemeinsam auf der Weide halten können. Im Alter von zwei Jahren kommen sie dann zur 40 Kilometer entfernten Schlachterei.

Was füttern Sie Ihren Tieren?

Alle Tiere werden zu 100 Prozent von Raufutter ernährt. Im Sommer reicht das Weidegras. Im Frühjahr, Herbst und Winter füttern wir Heu und Kleegrasgemenge zu. Kraftfutter wie Hafer und Ackerbohnen gibt es nur als Leckerei, um die Kühe in den Melkstand zu locken.

Wie oft werden die Kühe gemolken und was machen die Kälber in dieser Zeit?

Die Kühe werden morgens und abends gemolken. In dieser Zeit bleiben die Kälber auf der Weide und warten, bis ihre Mütter aus dem Melkstand zurückkommen. Da alle dieses Prozedere gewohnt sind, bleibt der Ablauf ruhig und routiniert.

Wieviel Milch bleibt noch für den Verkauf übrig und rechnet sich das?

Ich verzichte jeweils ein Vierteljahr lang auf einen Großteil der Milch. Die Kälber trinken teilweise bis zu zehn Liter am Tag. Dafür haben es meine Tiere gut. Arzneimittelkosten habe ich fast keine – der Tierarzt kommt nur zum Kastrieren der männlichen Kälber. Selbst bei der Geburt brauchen die Tiere keine menschliche Hilfe.

Wo bekommt man Ihre Milch und was kostet sie?

Die Milch wird unter dem Namen „Vier Jahreszeitenmilch“ vermarktet und über Rewe und Edeka-Märkte in und um Hamburg, sowie im eigenen Hofladen vertrieben. Je nach Jahreszeit schmeckt die Milch anders. Das macht sie so besonders. Ein Liter Milch kostet 1,49 Euro – darunter verkaufen wir sie nicht, da wir uns unsere tierfreundliche Haltung sonst nicht mehr leisten könnten.