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Das Leid der Kälber

22.9.2017

Trennungsschmerz und Zwangsernährung: Die traurige Kindheit von Kälbchen

Vielen Menschen ist nicht klar, dass Milchkühe nicht „einfach so“ Milch geben. Die Milch ist eigentlich zur Ernährung ihres Kalbes gedacht – es ist Muttermilch. Nur, wenn die Kuh ein Kalb zur Welt gebracht hat, produziert sie auch Milch. Zwar wurden Milchkühe auf eine enorme Milchleistung hin gezüchtet – Voraussetzung ist aber stets, dass sie ein Kälbchen hat. Eine Milchkuh wird in der Regel nach Eintreten der Geschlechtsreife sofort künstlich besamt. Zu diesem Zeitpunkt ist sie etwa 16 bis 18 Monate alt. Bringt sie das Kalb zur Welt, nimmt man es ihr nach wenigen Stunden oder Tagen weg – denn schließlich beansprucht der Mensch die Kuhmilch für sich. Für das Kalb ist sie zu wertvoll.

Kühe sind ausgesprochen soziale Lebewesen und ihren Kälbern gegenüber sehr fürsorglich. Die Mutterkuh ruft oft verzweifelt nach ihrem Kalb und dreht sich immer wieder suchend nach ihm um. Wächst das Kalb nicht bei seiner Mutter auf, ist es oft krankheitsanfälliger. Es erhält nur Milchersatz aus einem Eimer – und das aus Zeitgründen meist nur zweimal pro Tag. Kann das Kalb am Euter der Mutter saugen, tun sie das sechs bis acht Mal am Tag. Bei der Milchersatzfütterung sind die Kälber entsprechend hungrig und trinken sehr hastig. Das kann zu lebensbedrohlichem Durchfall führen. Die Folge: Rund zehn Prozent der Kälber in Milchbetrieben sterben.

Durch die Trennung von der Mutterkuh wird das Kalb oft krankheitsanfälliger und entwickelt psychische Störungen. Normalerweise saugen Kälber 6-8 Mal pro Tag am Euter ihrer Mutter. Durch die Trennung von Kuh und Kalb direkt nach der Geburt muss das Kalb von Geburt an mit Milch aus dem Eimer getränkt werden. Dies geschieht nur 2 Mal am Tag. Die Kälber trinken dann hastig  große Mengen auf einmal. Dadurch bekommen viele Kälber lebensbedrohlichen Durchfall. Die Sterblichkeit von Kälbern auf Milchviehbetrieben liegt im Schnitt bei 10 Prozent oder mehr.

Drenchen von Kälbern

Je größer der Betrieb, desto weniger Zeit bleibt für das einzelne Tier. Kälber werden deshalb auf Großbetrieben von Tierhaltern oftmals „gedrencht“. Als Drenchen bezeichnet man eine Zwangsfütterung, bei der dem Kalb ein Plastikschlauch durch das Maul bis in die Speiseröhre gesteckt wird, um es mit dem lebensnotwendigen Kolostrum (Biestmilch) zu versorgen. Biestmilch ist die erste Milch, die eine Kuh nach der Geburt gibt. Sie enthält lebensnotwendige Inhaltsstoffe, die das Kalb für ein gesundes Immunsystem braucht. Eigentlich sollten die Kälber kurz nach der Geburt an der Mutter trinken können. In der industriellen Milchproduktion wird jedoch häufig aus Zeitmangel gedrencht, und zwar durch die Tierhalter selbst.

Drenchen erfordert viel Fachkunde. Durchführen dürfen es Landwirte trotzdem selbst, obwohl sie hier Laien sind. Immer wieder gibt Fälle, in denen die Biestmilch statt in die Speiseröhre in die Luftröhre gelangt. Wenn der Schlauch herausgezogen wird, bevor er leergelaufen ist, kann auch dabei Milch in die Luftröhre gelangen. Diese Kälber bekommen dann häufig eine Lungenentzündung oder sie können sogar ersticken. Drenchen sollte deshalb nur durch einen Tierarzt erfolgen und auch nur dann, wenn es sich um eine lebensrettende Maßnahme handelt, weil das Kalb trotz ausreichender Zeit nicht am Euter der Mutter trinkt.

Männliche Milchkuh-Kälber sind nichts wert

Die männlichen Kälber der Milchrassen setzen wenig Fleisch an und sind deshalb auf dem Fleischmarkt fast nichts wert. Kälber, die zu mager für die Mast oder krank sind, werden häufig vernachlässigt.  Es besteht der Verdacht, dass manche Landwirte sie sogar – wenn der Tierarzt zu teuer scheint – einfach sterben lassen.  Andere Bullenkälber werden zur Kälbermast nach Holland oder Belgien verkauft. Dort werden sie in dunklen, einstreulosen Ställen gehalten, um helles Kalbfleisch zu produzieren. Raufutter gibt es nicht oder in viel zu geringen Mengen. Kälber, die den langen Tiertransport nicht gut überstehen und in einem gesundheitlich schlechten Zustand sind, werden an den Ländergrenzen eingeschläfert. Dies betrifft Hunderte von Kälbern¹.

Genaue Zahlen verendeter männlicher Kälber gibt es erst ab dem siebten Lebenstag der Tiere. Denn ab da müssen sie eine Ohrmarke tragen und in der offiziellen Datenbank, der HIT-Liste, registriert sein. Kälber, die innerhalb der ersten Lebenswoche sterben, tauchen in keiner Statistik auf. Dies macht es so schwer, der Verbleib der Kälber nachzuvollziehen.

Quellen:

¹) https://www.ndr.de/nachrichten/Die-Ramschkaelber,sendung514264.html