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Interview mit Tobias Leenaert

Buch-Autor und Blogger Tobias Leenaert über die uralte Lust auf Fleisch – und eine tierfreundlichere Zukunft

Zur Person: Tobias Leenaert ist Autor des Buches „How to create a Vegan World: A Pramatic Approach“, des Blogs „The Vegan Strategist“, sowie Mitgründer der Belgischen Organisation EVA (Ethical Vegetarian Alternative), CEVA (Center for Effective Vegan Advocacy) und ProVeg International. Im Interview mit VIER PFOTEN berichtet er, was er über die Essgewohnheiten der Menschen denkt und was dies für die Zukunft des Tierwohls bedeutet.

Tobias, wie siehst du das: Warum sollte Tierwohl eine wichtige Rolle bei der Auswahl von Lebensmitteln spielen?

Ernährung ist das größte Grundbedürfnis, ohne das wir nicht überlebensfähig sind. Gleichzeitig ist sie Grund für viel Leid und Ungerechtigkeit auf der Welt. Jährlich werden circa 65 Millionen Tiere für die Produktion von Fleisch und anderen tierischen Lebensmitteln getötet. Generell würde ich sagen, dass die meisten Menschen Tierwohl als wichtig empfinden. Sie können sich nicht nur mit dem Leid von Katzen und Hunden, sondern auch mit dem von Schweinen, Kühen und Hühnern identifizieren. Sie wollen nicht, dass diese Tiere ohne Grund leiden müssen. Hauptsächlich der Geschmack des Fleisches und die Essgewohnheiten bringen Menschen dazu, das dabei entstehende Leid der Tiere zu vergessen.

Menschen haben mehr Mitgefühl für Haustiere und manche Wildtiere. Warum ist das so? Wie können wir die Empathie für Hühner, Schafe, Ziegen, Kühe und Schweine verändern?

Vielleicht war es ja so: Unsere Vorfahren haben Lust verspürt, Tiere zu essen (aus Überlebens – und Ernährungsgründen), bevor sie eine Empathie für sie entwickelt haben. Heute haben viele diese Empathie übernommen, aber gleichzeitig haben wir auch die Kultur entwickelt, Tiere für Essen zu töten. Ein Mitgefühl für Tiere zu entwickeln und Mitleid für sie zu empfinden ist nicht leicht, denn die Konsequenzen sind enorm: Man müsste aufhören, sie zu essen. Das ist, was viele Menschen nicht aufgeben möchten, deshalb versuchen sie oft, keine Empathie zu entwickeln oder sie zu unterdrücken.

Welche positiven Veränderungen im Essverhalten und Lifestyle hast du in den letzten zeh Jahren beobachtet?

Langsam entscheiden sich immer mehr Menschen für eine vegane Lebensweise, weshalb ich denke, dass wir uns einem Punkt annähern, wo alles leichter wird. Den eigenen Fleischkonsum zu reduzieren wird immer beliebter, was sich positiv auf die Tiere auswirkt, da die Nachfrage für pflanzliche Produkte steigt.

Gibt es noch andere Faktoren, die zur Veränderung der Situation von Nutztieren beigetragen haben?

Neben den Argumentationspunkten tierische Produkte zu reduzieren oder zu vermeiden, haben wir nun auch starke Argumente für den Schutz der Umwelt und zur Verbesserung der menschlichen Gesundheit. Investoren und Unternehmer haben in den letzten Jahren festgestellt, dass mit der Umstellung auf pflanzliche Produkte viel Geld gemacht werden kann, und so beobachten wir, wie immer mehr neue Startups versuchen das Spielfeld zu erobern. Dies gibt wiederum einen neuen Impuls für die vegane (R)Evolution.

In deinem Blog, auf Vorträgen und Workshops quer durch Europa hast du so viele Themenfelder behandelt. Was konntest du dabei über das Esseverhalten herausfinden?

Studien über die Veränderungen des Essverhaltens werden von Tag zu Tag immer wichtiger, da wir feststellen, wie schädlich unser Essverhalten für die Erde und unsere Gesundheit ist. In Zukunft werden wir nicht mehr fähig sein, die finanziellen Lasten für die „Wohlstands-Krankheiten“ zu tragen. Menschen müssen deshalb lernen ihr Essverhalten zu ändern, was vielleicht eines der schwierigsten Dinge ist. Unser Essverhalten führt auf unsere Kindheit zurück und geht darüber hinaus: bis zu unseren Vorfahren, den Höhlenbewohnern. Die Vorliebe für Fleisch ist etwas Uraltes. Wir können es nicht allein mit rationalen und ethischen Argumenten angehen. Wir brauchen Alternativen, die genauso gut schmecken und das Verlangen nach tierischen Produkten befriedigen. Aus diesem Grund müssen wir das pflanzliche Produktangebot verbessern.

Was sind deiner Meinung nach die effektivsten Wege, um eine tierfreundliche Ernährung voranzutreiben?

Für mich reduziert sich dies auf das Bewusstsein gegenüber dem Leid anderer und dessen Wichtigkeit zu verstehen. Es ist wichtig, dass wir uns dem Leid anderer bewusstwerden und die Wichtigkeit dieses Bewusstseins verstehen. Wir sind empathisch, wenn wir wirklich versuchen das Leid anderer zu vermeiden. Je mehr Alternativen es zu Produkten mit Tierleid gibt, desto einfacher wird es, bewusst zu handeln.

Ist es dennoch möglich Fleisch, Milch und/oder Eier zu essen, ohne einem Tier Leid anzutun?

Generell ist es schwierig, tierische Produkte zu konsumieren, ohne dazu beizutragen, dass Tierleid entsteht. Es ist vielleicht möglich, einige Produkte zu essen, wie zum Beispiel Eier von den Hühnern aus dem eigenen Garten, aber normalerweise sind diese Dinge auf den Gesamtzustand nicht anpassbar. Der einfachste Weg, um Tierleid zu verhindern, liegt darin, den Konsum von tierischen Produkten einzustellen.

Glaubst du, dass eine pflanzenbasierte Ernährung zur Norm werden kann?

Ich habe Bedenken, dass es zur Norm wird. Eine Norm würde bedeuten, dass es zu einer standardisierten Option wird. Angenommen, du gehst zu einem Event oder du isst gerade im Zug oder Flugzeug, wo du nicht bestimmen kannst was du essen möchtest. Der Kellner bringt dir automatisch das pflanzliche Gericht. Es würde auch bedeuten, dass in den Menüs der Restaurants mehr vegane Gerichte als omnivore Gerichte stünden. Ich glaube, dass diese Evolution nicht mehr zu stoppen ist, wenn wir einen gewissen Zeitpunkt erreichen. Dann wird es viel einfacher sein den tierrechtlichen Gedanken und die Empathie für Tiere zu verstehen.

Was denkst du über den Ansatz von Flexitariern?

Wenn heute jeder Flexitarier sein würde, wäre eine vegane Welt nicht mehr fern. Leider schwimmen wir aber immer noch gegen den Strom. Wenn es irgendwann eine gewisse Anzahl „Reducer“ geben wird, wird das System automatisch kippen: Preisstrukturen, Subventionen und Zölle werden sich verändern. Unsere Argumente werden einen größeren Einfluss haben, da vegan zu essen immer leichter wird.

Was möchtest du unseren Lesern gerne noch mitteilen?

In einer Weise ist das Leid von Nutztieren ein Problem, das sehr einfach zu lösen ist. Wir haben sehr konkrete Lösungen. Lösungen, die andere Probleme (wie Hungersnöte, Umweltzerstörung, Energienutzung, Menschliche Gesundheit etc.) positiv beeinflussen. Natürlich wird es einige Zeit dauern, aber ich habe keine Zweifel daran. Irgendwann wird die Idee, Tiere zu essen, völlig absurd erscheinen.

Mehr über Tobias Leenaert finden Sie in seinem Blog The Vegan Strategist: www.veganstrategist.org