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interview mit Dr. Arianna Ferrari

31.10.2016

Dr. Ferrari vom Forschungsprojekt „Visionen von In-vitro-Fleisch“ gibt spannende Einblicke ins Thema Laborfleisch

Liebe Frau Ferrari, Sie arbeiten am Projekt „Visionen von In-vitro-Fleisch“. Was machen Sie da genau?

In Deutschland ist das Thema „In-vitro-Fleisch“ nicht sehr bekannt. Das Projekt überprüft die Vorstellungen einer Zukunft mit In-vitro-Fleisch kritisch. Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen dieser Innovation und der Gesellschaft? Wir analysieren die Bedingungen der Akzeptabilität von In-vitro-Fleisch. Dazu führen wir neben der Analyse der Literatur auch empirische Befragungen von Experten, Stakeholdern und Fokusgruppen durch.

Das Projekt ist an das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe angegliedert. Können Sie erklären, wie das zusammenpasst?

Wir interessieren uns für die Schnittstelle zwischen technischer Entwicklung, Gesellschaft und Politik. Ich bin Philosophin und Tierethikerin und beschäftige mich damit, wie Tiere in der Forschung und technischer Entwicklung verwendet werden und wie sich dadurch Mensch-Tier-Beziehungen ändern. Ich stelle in diesem Projekt Fragen wie: Wie würde In-vitro-Fleisch unser Mensch-Tier-Verhältnis verändern? Wie stellen wir uns eine Zukunft mit In-vitro-Fleisch vor? Wie werden die Tiere, die für die Produktion von In-vitro-Fleisch (für die Stammzellengewinnung) gebraucht werden, in Zukunft leben?

Was bedeutet In-vitro-Fleisch genau?

Zunächst braucht man Stammzellen, die bekommt man durch eine Muskelbiopsie vom lebenden Tier. Das ist ein kleiner Eingriff, das Tier kann unbeschadet weiterleben. Um diese Zellen wachsen zu lassen, brauchen sie in der Petri-Schale einen geeigneten Nährmedium, der auch einen Wachstumsfaktor enthält.

Welche Nährflüssigkeiten gibt es?

Lange Zeit wurde vor allem fetales Kälberserum genutzt. Dies ist eine Flüssigkeit, die mittels einer Punktion ins Herz von Rinderföten ohne Anästhesie gewonnen wird. Es ist nachgewiesen, dass diese Prozedur schmerzhaft ist. Fetales Kälberserum stellt aber auch ein gesundheitliches Risiko dar, weil es Krankheiten übertragen kann. Aus Tierschutzsicht wurde das natürlich stark kritisiert

Gibt es Alternativen?

Einige ForscherInnen arbeiten bereits an der Herstellung und Nutzung von pflanzlichem Serum, zum Beispiel aus Algen oder Pilzen. 2015 wurde ein Verfahren für ein tierfreies Medium von einigen In-vitro-Fleisch-Innovatoren patentiert.

In einigen Youtube-Videos behaupten enthusiastische Forscher, in einigen Jahren könne In-vitro-Fleisch die Massentierhaltung abschaffen. Wie sehen Sie das?

Dass ForscherInnen enthusiastisch ihre Forschung präsentieren und versuchen, Mittel zu akquirieren, ist keine Neuigkeit von In-vitro-Fleisch. Insbesondere wenn es sich um eine Technik handelt, die neu und im Anfangsstadium ist, gehört es dazu, Aufmerksamkeit zu erwecken. Eine Aufgabe unseres Projektes ist es, diese Versprechen unter die Lupe zu nehmen und kritisch zu hinterfragen. Das beinhaltet nicht nur die technischen Schwierigkeiten, sondern auch die Frage nach den Motiven und Werten, die ForscherInnen leiten. Ob die technischen und gesellschaftlichen Hürden (wie unter anderem die Frage der Akzeptanz) in den nächsten drei bis vier Jahren tatsächlich überwunden werden können, bleibt offen.

Wo liegt die Gefahr von zu begeisterten Meldungen?

Noch sind alles nur Visionen. Sollte In-vitro-Fleisch auf den Markt kommen, sind die Auswirkungen auf Tiere noch nicht klar. Vielleicht wird es erstmal ein zusätzliches Produkt neben konventionellem Fleisch. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die Forscher mit den Tieren umgehen werden, denen Stammzellen entnommen werden. Ein Forscher hat gesagt, man müsse die Tiere kontrolliert züchten, damit wir robuste Zellen von ihnen erhalten. Damit werden aber Tiere für den In-vitro-Fleisch-Konsum weiterhin gezüchtet. Aber wir können es auch positiv sehen: Noch könnten wir die Forschung steuern und sagen: Ja, forscht, aber dann unter bestimmten Bedingungen.

Wie sieht es mit Zahlen und Fakten rund um die In-vitro-Forschung aus?

Sehr wenige. Der im August 2013 in London präsentierte Burger aus Rinderstammzellen, der von dem Physiologe Mark Post und seinem Team an der Universität Maastricht hergestellt worden ist, kostete 325.000 Dollar. Vor kurzem hat dasselbe Forschungsthema deklariert, dass der Preis zu knapp 12 Dollar pro Burger gesunken ist. Da aber immer noch kein groß-skaliges Verfahren für die In-itro-Fleisch-Produktion gibt, ist es schwierig, exakte Zahlen wiederzugeben.

Würde In-itro-Fleisch ökologische Vorteile haben?

In den Medien wird immer eine Studie von 2011 zitiert, die großen ökologischen Vorteile von In-vitro-Fleisch benennt, was Land- und Wassernutzung und Treibhausgasemissionen betrifft. Allerdings haben spätere Studien dies in Frage gestellt. Eine Studie von 2015 zeigt für Geflügel- und Schweinefleisch zwar immer noch Vorteile von In-vitro-Fleisch bei Land- und Wassernutzung, allerdings weniger als die vorigen Studien. Allerdings wurde auch gezeigt, dass In-vitro-Fleisch sogar mehr Strom als herkömmliches bei Geflügel- und Schweinefleisch benötigt.

Wie kommt das?

In-vitro-Fleisch muss quasi die interne Arbeit der Tiere (Verdauung und Aufbau) ersetzen. Somit müssen die Zellen in den Bioreaktoren immer bei einer konstanten Temperatur gehalten und entsprechend ernährt werden. Dieser erhöhte Strombedarf beeinflusst auf entscheidende Weise die Aussage, dass In-vitro-Fleisch weniger Treibhausgasemissionen als Geflügel- und Schweinefleisch verursacht, weil alles davon abhängt, aus welcher Quelle der Strom produziert wird – ob aus Fossilbrennstoffen oder erneuerbarer Energie.

Wie sieht es bei Rindfleisch aus?

Hier verursacht In-vitro-Fleisch alles in allem weniger Treibhausgasemissionen und schneidet positiver als traditionell produziertes Fleisch. Darüber hinaus spielen bei dem Preis sowie bei der Möglichkeit einer groß-skalige Produktion die Kosten des Kulturmediums und des Wachstumsfaktors zentrale Rolle, die für die Entwicklung von Gewebe aus den Zellen verwendet werden.

Gibt es die Gefahr, dass Firmen ihre Forschung patentieren, eine Monopol-Stellung bekommen und den Preis hochhalten?

Die einzelnen Verfahren sind jetzt schon zum Teil patentiert. Das hat mit der gesamten Art und Weise, wie emigrierende Technologien heute funktionieren zu tun, vor allem im Bereich der Biologie und Medizin und ist keineswegs ein Spezifikum von In-vitro-Fleisch. Daher werden vermutlich die Firmen es schnell mit konventionellem Fleisch aufnehmen wollen und nicht nur ein gesünderes, besseres Produkt anbieten wollen, sondern auch einen vergleichbaren Preis haben.

Ist Laborfleisch gesünder für den Menschen?

Immer wieder wird von Innovatoren und ForscherInnen gesagt, dass bei der Herstellung von In-vitro-Fleisch keine Antibiotika involviert sind. Allerdings muss betont werden, dass bei der Herstellung des ersten In-vitro-Burgers aus Rinderstammzellen auch Antibiotika verwendet wurden. Deswegen bleibt heutzutage noch unklar, ob und inwieweit Antibiotika doch notwendig für Zellkulturen sind.

… und abgesehen von den Antibiotika?

In der Debatte darüber wird überwiegend davon ausgegangen, dass die gesundheitlichen Risiken des Fleischkonsums auf die schlechten Qualitätsbedingungen der Fleischproduktion (inklusive der so genannten intensiven Tierhaltung) zurückzuführen seien und nicht auf die Häufigkeit des Konsums. Dennoch stellten in den letzten Jahren immer mehr Studien einen Zusammenhang her zwischen übermäßigem Fleischkonsum und Krebs, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2. Man weiß noch nicht, ob die Risiken intrinsisch mit Fleischkonsum zu tun haben oder ob sie mehr aus der Art und Weise resultieren, wie Tiere gehalten werden (Futter und Medikamente). Deshalb ist noch nicht geklärt, ob und inwieweit sich solche gesundheitlichen Risiken auch im Fall eines (breiten) Konsums von In-vitro-Fleisch ergeben würden.

Was wird in den nächsten Jahren beim Thema In-vitro-Fleisch wichtig sein?

Ich halte es für sinnvoll und ethisch vertretbar, in die Forschung über Alternativen zu fetalem Kälberserum und anderen tierischen Wachstumsfaktoren zu investieren. Das Thema der alternativen Proteinquellen wird immer mehr an Bedeutung gewinnen, weil die Auswirkungen heutiger Produktion tierischer Produkten auf die Umwelt nicht mehr zu übersehen sind. Gut wäre, wenn mehr über In-vitro-Fleisch berichten würde, aber ohne den kritischen Blick zu verlieren. Da In-vitro-Fleisch noch eine Vision ist, werden viele ethische Aspekte sich erst im Laufe der Zeit zeigen. Gut und wichtig ist aber, schon jetzt darüber nachzudenken, in welcher Welt wir leben wollen und ob und wie eine Innovation wie In-vitro-Fleisch unsere Sicht auf Tiere verändern kann.

Würden Sie In-vitro-Fleisch essen?

Ich würde es aus mehreren Gründen nicht tun. Da meine Ernährung seit vielen Jahren pflanzlich ist, bin ich an dem Geschmack von Fleisch nicht mehr gewöhnt. Außerdem ist momentan In-vitro-Fleisch nicht frei von Tierleid und deswegen für mich keine Alternative. Schwierig erscheint mir auch die Vorstellung, in der heutigen Gesellschaft Tiere als Zelllieferanten zu betrachten und ihnen gleichzeitig ein würdiges Leben zu gewährleisten. Die richtige Herausforderung und spannende Frage bleibt, ob In-vitro-Fleisch und andere ähnliche Innovationen die heutigen moralischen Einstellungen zugunsten der Tiere in Zukunft ändern werden.

Mehr Informationen finden Sie hier: http://invitrofleisch.info/