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Staatliches Tierwohllabel: Chance oder Risiko?

2017-01-19

© VIER PFOTEN

Das von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt geplante staatliche Tierwohlsiegel soll Konsumenten an der Ladentheke Klarheit verschaffen und endlich für mehr Tierwohl in deutschen Mastanlagen sorgen. Doch es stellt sich die Gretchenfrage: Wieviel Tierschutz steckt wirklich im neuen Tierwohllabel? Welche Absicht verfolgt Minister Schmidt? Will er tatsächlich die Lebenssituation von Millionen Nutztieren in Deutschland verbessern oder sollen die Konsumenten mit dem bunten Etikett beruhigt werden, um weiterhin mit gutem Gewissen billigst produziertes Fleisch zu kaufen?


Eins sollte klar sein: Ein Tierwohllabel darf nur dann als solches bezeichnet werden, wenn auch wirklich Tierwohl drin ist.


In den nächsten Tagen wird Schmidt auf der „Internationalen Grünen Woche“ in Berlin das neue Siegel zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentieren. Solange elementare Tierwohlkriterien nicht von Tag eins an – ohne Übergangsfristen – für alle teilnehmenden Betriebe gelten, ist das Label nicht mehr als ein Marketinginstrument der Fleischindustrie. Wer Nutztiere schützen will, sollte starke verbindliche Kriterien einfordern, die deutlich über gesetzliche EU-Standards hinausgehen. Ein Beispiel: das routinemäßige Kürzen von Ringelschwänzen ist seit 1991 auf EU-Ebene verboten, in Deutschland  ist dies in schätzungsweise 99 Prozent der Schweinemastbetriebe jedoch geduldete Realität. Die Begründung der Industrie: Das geht nicht anders. Der wahre Grund aber ist: durch Platznot, Beschäftigungsmangel und Langeweile fangen die Schweine bereits im Ferkelalter an, sich gegenseitig an den Ringelschwänzen zu knabbern.

 

Die tierfreundliche Lösung,  etwas gegen die Frustration zu unternehmen, wäre, die Haltungssysteme den Bedürfnissen der Tiere anzupassen. Dies bedeutet: Jederzeit ausreichend Raufutter wie Heu oder Silage, viel Stroh zum Wühlen und um eine weiche Liegefläche zu bieten, viel mehr Platz, Rückzugsmöglichkeiten und die Abschaffung des Kastenstandes von Sauen. Zu teuer, ist die Antwort der Industrie. Ein Siegel, welches das Verstümmeln von Tieren akzeptieren und dies auch noch als Tierwohl-Maßnahme auszeichnen würde, klingt absurd und wäre seitens von VIER PFOTEN keinesfalls hinnehmbar.


Die Ringelschwänze sind nur eines von vielen Beispielen – auch Rinder und Geflügel werden in Deutschland aus reiner Profitgier zurechtgestutzt, verstümmelt und qualgezüchtet. Enthornen, Schnabelkürzen, betäubungsloses Kastrieren, die Liste ließe sich lange fortführen.

 

Das neue staatliche Label bietet eine große Chance für einen nachhaltigen Systemwechseln in der industriellen Landwirtschaft. Doch das Risiko besteht, dass es zu reiner Augenwischerei verfallen könnte. Eine gesunde Portion Skepsis ist also mehr als angebracht.


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